Die Wahrheit über Plotter und Pantser
Transkript zum Podcast Inspiriert Schreiben. Folge 5
Hast du dich auch schon mal gefragt: Bin ich eigentlich Plotter oder bin ich Pantser? Sollte ich lieber planen oder aus dem Bauch heraus schreiben? Keine Sorge, mit dieser Frage bist du nicht allein.
Hallo und herzlich willkommen. Ich bin Ulrike Hartmann, Autorin und Schreibmentorin und in diesem Podcast lernst du, deinen Weg als Schriftstellerin zu finden und deine eigene kraftvolle Schreibroutine aufzubauen.
Und das letzte Mal haben wir über Richtig und Falsch geredet, also das, was dich beim Schreiben weiterbringen kann und was dich blockiert. Und ich habe mich wirklich sehr über die Reaktionen gefreut, über eure Kommentare und Nachrichten. Und ihr merkt jetzt schon, meine Podcast-Folgen sind sehr spontan und immer noch kurz vor der Veröffentlichung aufgenommen. Und deshalb muss ich mich heute auch ein bisschen für meine Erkältungsstimme entschuldigen. Aber mir ist es ganz wichtig, dass die nächste Folge pünktlich bei euch in den Podcasts landet.
Das heutige Thema ist: Die Wahrheit über Plotter und Pantser.
Worum geht es? Das große Thema dahinter ist: Was ist der beste Weg, einen Roman zu schreiben? Und ich glaube, es gibt kaum ein Thema, das so heftig und so leidenschaftlich unter Schriftsteller*innen diskutiert wird. Die einen sagen, Plotten, das ist nur nach Schema F, und der wahre Künstler, der schöpft aus sich selbst. Und die anderen sagen: Der Profi plottet, weil Bauschreiben viel zu lange dauert.
Und die Wahrheit, ja, die ist irgendwo dazwischen. Und zwar viel mehr als viele glauben. Es gibt ja immer diese Behauptung, es gibt die Mischformen von Plottern und Pantsern. Und das alles geht mir einfach nicht weit genug.
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Schauen wir uns erst mal an, was Plotter oder Pantser (Bauschreiber:innen) eigentlich heißt. Was verstehen wir unter diesen Definitionen?
Der typische Plotter
Wenn du ein Plotter bist, dann planst du deinen Schreibprozess sorgfältig, bevor du mit dem eigentlichen Schreiben beginnst.
Du erstellst detaillierte Entwürfe, du machst Pläne, du machst Skizzen, du hast oft klar definierte Kapitel, du hast manchmal bis runter zu den Szenen – und den Charakterentwicklungen sowieso – alles gut vorbereitet. Und vielleicht legst du sogar einen großen Ordner an, nur zu deinen Figuren, in denen du sammelst und recherchierst und alles aufschreibst, was dir für deine Figuren wichtig sind. Woher sie kommen, wohin sie gehen wollen, was sie eigentlich wollen, was ihr Problem ist und und und. Du hast also als Plotter vor dem Schreiben eine meist intensive Phase eingelegt, in der du sorgfältig deinen Schreibprozess vorbereitest.
Ein typischer Plottercharakter wäre, so die Theorie, organisiert und methodisch. Ein Plotter, der liebt Kontrolle und Planung, er liebt die Struktur und die Vorhersehbarkeit und nur das gibt Sicherheit, und wenn es hochkommt, hat sie oder er auch noch Freude an Excel-Tabellen, an Mindmaps sowieso und an anderen Tools zur Planung.
Ein Plotter, so im allgemeinen Sprachgebrauch, ist perfektionistisch. Er oder sie möchte von Anfang an, dass die Geschichte richtig ist.
Der typische Pantser – Schreiben nach Bauchgefühl
Bist du dagegen ein Pantser, ein Bauschreiber, dann bist du jemand, der ohne großen Plan oder vorherige Strukturierungen am liebsten sofort loslegt zu schreiben. Pantser kommt von dem englischen „writing by the seat of your pants“, was nichts anderes heißt, du schreibst quasi jetzt sofort auf deinem Hosenboden, und du lässt dich dann als Pantser, als Bauschreiber von deiner Inspiration und von den Charakteren führen. Du spürst jeden Tag intensiv in dich hinein, wie sich deine Geschichte entwickeln könnte und wohin es dich zieht. Das heißt, du entdeckst die Geschichte und die Figuren während des Schreibens.
Ein typischer Bauschreiber-Charakter ist dann der Inbegriff der Künstler*in, intuitiv und kreativ, spontan, improvisationsbereit, fühlt sich durch feste Pläne manchmal eingeengt. Ein Pantser, so heißt es, ist experimentierfreudig und bereit Risiken einzugehen und er wird oder sie wird oft von starken Emotionen oder Eingebungen getrieben. Er schreibt, um herauszufinden, wohin die Geschichte führt. Er mag Überraschungen oder sie mag spontane Wendungen. Ein Bauschreiber fühlt sich einfach wohler, wenn sie oder er frei schreiben kann, ohne an eine Struktur gebunden zu sein.
Ist das sinnvoll?
Soweit die Theorie.
Sagst du jetzt prima, da finde ich mich zu 100% wieder, dann freue ich mich für dich. Oder kommst du wie viele andere Menschen eher ins Zweifeln, ob du überhaupt zum Schreiben geeignet bist, weil du weder zu einer noch zur anderen Kategorie gehörst? Ich bin mit dieser Unterscheidung zwischen Plotter und Pantser gar nicht glücklich. Denn ich zum Beispiel finde mich, übrigens wie viele Menschen, die ich kenne, gar nicht in diesen Schubladen wieder. Ich bin eher spontan, ich bin eher ein Freigeist, jedenfalls hoffe ich das doch sehr und ich mag es, beim Schreiben überrascht zu werden. Und ich mag es vor allem, meine Figuren während des Schreibens kennenzulernen.
Und dennoch plotte ich.
Und ich kenne andere, die sind extrem strukturiert und klar und die lieben Methoden, die sind die Ordnung an sich – und die setzen sich hin und schreiben einfach los.
Wie passt das zusammen?
Im Grunde ist es ganz einfach: Ob ich plotte oder nicht, hat überhaupt nichts damit zu tun, ob ich fantasievoll bin oder ob ich mich intuitiv leiten lassen möchte, sondern hat etwas damit zu tun, was ich brauche, um ins Erzählen zu kommen, und dabei – und das ist der Punkt – nicht den roten Faden zu verlieren!
Denn oft ist es nämlich auch genau so: Manche Schreibende brauchen einen Plot, eine Struktur, weil sie sonst von den vielen Ideen, die sie bei einem Projekt haben, schlichtweg überwältigt sind. Das sind dann so viele Eingebungen und so viele Assoziationen, dass sie sich gar nicht hinsetzen können und einfach drauf losschreiben können, weil es uferlos ist. Die brauchen dann einen bestimmten Fokus.
Und wenn ihnen dann gesagt wird, sie dürften diesen Fokus oder dieses Modell nicht haben, weil das ja gar nicht ihrem Charakter entspricht oder weil sie dann keine echten Künstler wären, dann ist das schlicht und einfach ein Fehlurteil und kann auch im schlimmsten Fall zu einer ganz großen Schreibblockade führen. Das ist nämlich so, als wenn du kurzsichtig wärst und du brauchst eine Brille, um lesen zu können und alle anderen sagen dir, es ist doch viel schöner ohne Brille. Ja, kann ja sein, dass das schöner ohne Brille ist, nur hilft dir das eben nicht.
Und dann gibt es auch auf der anderen Seite diejenigen, die haben in sich einfach das Bedürfnis, nur zu schreiben und es entwickeln zu lassen und dann dauert das vielleicht länger, aber das muss es ja gar nicht. Es kann auch sein, dass du eine Struktur und eine Geschichte so in dir verinnerlicht hast, dass du dich hinsetzt und du schreibst es einfach runter.
Mit anderen Worten: Diese Unterscheidung zwischen Plotter und Pantser, die kann dir eigentlich nicht groß helfen. Sie kann dich im besten Fall verwirren und vielleicht dich auf bestimmte Plotmodelle hinweisen, und wie überaus nützlich das sein kann, aber mehr auch nicht.
Warum ich plotte
Mir hilft es, einen Plot zu haben, um mich sicher zu fühlen. Für mich ist das in manchen Fällen die Heldenreise, weil ich weiß, ich fange an und ich komme auch an. Mein Ende ist da, und wenn ich diese zwölf Kapitel oder 13 Kapitel für mich festgelegt habe, dann kann ich loslassen, dann kann ich all die vielen Gedanken und Ideen in meinen Kapiteln einfach mal loslassen und dann richtig zuordnen. Ich kann frei assoziieren, ich kann spielen, und dann komme ich aber immer wieder zurück. Das wäre bei mir beim reinen Bauchschreiben nicht gegeben.
Ich erzähle das jetzt so von mir, nicht, weil ich glaube, dass ich hier ein Vorbild bin, sondern weil ich natürlich diesen Prozess bei mir am besten kenne. Das ist von außen auch in den Workshops und in den Kursen nicht immer gut einzusehen, wie die Menschen sich fühlen. Und das ist auch immer ein sehr privater Bereich, der auch oft immer noch geschützt wird. Das ist etwas ganz Sensibles.
Andere, denen gesagt wird, sie brauchen viel zu lange, wenn sie Bauchschreiber sind oder sie wären nicht professionell – die können damit gar nichts anfangen, weil es ist ja nun mal ihre Art ist zu schreiben.
Feine Unterschiede
Witzigerweise gibt es da auch noch eine feine Unterscheidung: In den USA gilt es inzwischen schon fast als unprofessionell, nicht zu plotten. Aber ich meine in Deutschland ist es immer noch ein Anzeichen von ernster Literatur, dass nicht geplottet werden soll, weil es natürlich bei der ernsten Literatur nicht auf die Einhaltung bestimmter Geschichtenformate ankommt. Da bin ich viel freier in dem, was ich schreiben möchte. Es muss ja noch nicht mal eine bestimmte Struktur dabei entstehen. Während, wenn du Unterhaltung schreibst oder Genre-Romane, dann gibt es natürlich bestimmte Erwartungen und ganz bestimmte Strukturen. Nehmen wir an, du schreibst einen Krimi und hast aber hinterher keine Lösung, dann wird dir das von deinen Leser:innen ziemlich übel genommen.
Warum erzähle ich dir das alles? Weil ich in meinen Workshops und bei den Kursen immer wieder sehe, dass Menschen verunsichert sind, wenn sie sich weder als Plotter oder als Pantser fühlen.
Die Frage muss nicht sein, bin ich Plotter oder Pantser, sondern: Was brauche ich, um erzählen zu können? Was muss am Anfang da sein, damit du ins Erzählen kommst und damit du dich entfalten kannst?
Und da wieder gibt es kein Richtig und kein Falsch.
Was beflügelt dich?
Es gibt so viele Wege, einen Roman zu schreiben und ich muss für mich finden, was für mich am besten funktioniert. Und das wiederum funktioniert nur, wenn ich mich nicht von solchen Vorurteilen in eine Ecke stellen lasse.
Ich möchte dich einladen: Find einen Weg für dich, für deinen Charakter, für deine Persönlichkeit, aber auch vor allem für dein Thema und deine Geschichte, wie du am besten an diese Geschichte herangehst. Denn das ist ja auch immer ein großes Thema: Jede Geschichte verlangt natürlich auch wieder eine andere Herangehensweise. Und es kann sein, dass die eine Geschichte besser mit einem strukturierten Plot geschrieben werden kann, aber eine andere Geschichte ein völlig losgelöstes, freies Herangehen erfordert.
Spür in dich hinein. Womit kommst du am besten ins Erzählen? Was muss da sein und was nicht? Und was gibt dir die Sicherheit, dich zu entfalten? Und was beengt dich? Was lässt dich sofort verstummen?
Wenn du weißt, wie du Geschichten aufbauen musst, ganz intuitiv, dann musst du nicht plotten. Wenn du aber das Gefühl hast, du weißt nicht, wie du herangehen kannst, dann sind Plotmodelle ungeheuer hilfreich. Du wirst überrascht sein, wie sensibel du dabei auf unterschiedliche Plotmodelle reagieren kannst. Es kann sein, dass du mit einem Dreiaktmodell wunderbar ins Erzählen kommst, aber mit der Heldenreise auf einmal das Gefühl hast, in ein Korsett gezwungen zu werden, obwohl es im Prinzip die gleichen Schritte sind. Oder du probierst die 15 Beats aus – und hast schon nach dem zweiten Beat überhaupt keine Lust mehr weiterzuschreiben.
Das passende Modell zu suchen, das ist dann vielleicht die Aufgabe.
Ich habe dir ein paar Übungen hochgeladen, aber das sind nur Hinweise. Da kannst du mal gucken, was für dich gut ist. Aber ich vermute, du musst ein bisschen länger forschen und ausprobieren. Und immer ist es wichtig, bei deinem Gespür zu bleiben. Was dir gut tut und was dir entspricht und was dich ins Erzählen bringt. Und von diesem Gespür, davon erzähle ich dir dann das nächste Mal. Weil es so wichtig ist.
Das war’s schon wieder für heute. Ich würde mich freuen, wenn du von meinem Podcast auch anderen AutorInnen erzählst und wenn du meinen Newsletter abonnierst.
Schreib mir, wenn du magst. Du kannst auch auf Spotify oder auf YouTube Kommentare hinterlassen und ich antworte dir.
Ich freue mich auf dich beim nächsten Mal.
Inspiriert schreiben, jeden zweiten Donnerstag.
Ich wünsche dir ein gutes Schreiben.
Deine Ulrike Hartmann