Wenn du es richtig machen möchtest, machst du es falsch.
Transkript zum Podcast Inspiriert Schreiben. Folge 4
Ich behaupte: Wenn Du es beim Schreiben besonders gut machen möchtest, dann machst Du es falsch. Glaubst Du nicht? Ich erzähle Dir, was ich aus meinen Kursen weiß.
Hallo und herzlich willkommen. Ich bin Ulrike Hartmann, Autorin und Schreibmentorin und in diesem Podcast lernst Du Deinen Weg als Schriftsteller und als Schriftstellerin zu finden und Deine eigene kraftvolle Schreibroutine aufzubauen. Und dazu gehört, ganz wichtig, auch das heutige Thema. Und meine These ist: Wenn Du es beim Schreiben richtig gut machen willst, dann machst Du es falsch.
Das ist eine steile These, das gebe ich zu. Aber ich hoffe, dass Du nach dieser Folge verstehen kannst, was ich damit meine und dass Du mir zustimmst.
Ich erzähle Dir jetzt einfach mal, was ich in jedem einzelnen Kurs erlebe. Ich unterrichte schon seit vielen Jahren Kreatives Schreiben und coache AutorInnen. Und es ist wirklich zu Beginn eines jeden Kurses nicht einmal anders gewesen.: In jeder ersten Stunde sitzen da Menschen, die glauben, nicht richtig schreiben zu können. Und ich rede jetzt hier nicht von der Rechtschreibung. Die Rechtschreibung hat ganz klare Regeln und Vorgaben und es ist natürlich gut, sie zu kennen, aber davon ist hier nicht die Rede. Sondern davon, dass in fast allen von uns eine ganz tiefe Angst sitzt, etwas beim Schreiben nicht richtig zu machen.
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Der richtige Text
Wie immer erst einmal: Was ist gut an diesem Gefühl? Das Gute daran ist, dass da ein Bewusstsein ist, mein Text könnte besser werden, und es ist immer etwas Gutes, wenn wir unsere Texte verbessern wollen. Das ist im Grunde etwas sehr Motivierendes. Weil daran der Gedanke liegt: Ich kann lernen. Ich kann lernen zu schreiben. Und ich kann aus meiner eigenen Erfahrung sagen: das hört nie auf. Und bei den meisten wird es nie so sein, dass sie das Gefühl haben: ich kann nichts mehr dazu lernen, ich bin schon perfekt, so wie es ist. Mit anderen Worten: Der Gedanke, ich möchte etwas besser machen, ist beim Schreiben nicht nur gut, sondern auch sehr motivierend und es macht auch einfach Spaß.
Aber die Gefahr ist, dass ich denke, es gibt so etwas wie einen richtigen Text, oder schlimmer noch, den perfekten Text. Denn den gibt es natürlich nicht, und auch wenn einige Menschen so tun, als wenn es eine Perfektion im Schreiben gäbe, ist das alles andere als realistisch. Du wirst nicht einen einzigen Text auf der Welt finden, wirklich nicht einen einzigen, der allen Menschen gefällt. Wir sind alle so unterschiedlich, und wie soll es denn dann sein, dass wir auf einmal alle dieselben Bücher lieben? Und auch wenn dir jemand sagt, dieses Buch ist schlecht und dieses Buch ist gut, dann heißt das noch lange nicht, dass das für dich ein schlechtes Buch ist oder ein gutes Buch.
Ich muss ja gar nicht an die ganzen Absagen und Erfahrungen erinnern von unzähligen AutorInnen, die ihre Manuskripte Verlagen angeboten haben und immer wieder abgelehnt wurden. Ich kenne selbst ganz unglaublich gute AutorInnen, die es noch nie geschafft haben, veröffentlicht zu werden. Aber das tut ja ihren Texten überhaupt keinen Abbruch, sondern das liegt vielmehr am Buchmarkt und an dem, was gerade vielleicht Mode ist oder was gerne veröffentlicht werden sollte.
Dazu kommt noch etwas ganz anderes: Ein Buch kann stilistisch eindeutig schlecht sein. Es kann ganz viele handwerkliche Fehler enthalten – und trotzdem kann es dein Herz erobern. Oder es kann in der Wortwahl und in der Struktur ganz exquisit sein – und der Text lässt dich völlig kalt. Er berührt dich nicht. Das Buch ist einfach eine Stimme, und zwar eine Stimme, die du jetzt gut finden kannst oder nicht. Und im besten Fall ist dein Buch deine eigene Stimme und kein Nachgeplapper.
Deine eigene Stimme
Ich finde es unglaublich befreiend zu wissen, dass meine Stimme ganz natürlich nicht allen gefallen kann. Stell dir einfach einen Menschen in deinem Leben vor, der dir völlig fremd ist, den du wirklich nicht verstehst. Glaubst du, dass dieser Mensch das mag, was du liebst? Glaubst du, er liest dieselben Bücher wie du? Und wenn er dein Buch lesen würde, glaubst du, dieser Mensch müsste es lieben? Eben. Es ist eigentlich völlig unwahrscheinlich.
Und auch wenn so viele Leute behaupten, es gibt die perfekten Bücher, dann stimmt das einfach nicht, weil ein Buch immer etwas sehr Persönliches und Einzigartiges ist.
Ich glaube, diese Angst vor Richtig und Falsch kommt tatsächlich noch zum großen Teil aus der Schule. In der unsere Aufsätze danach bewertet wurden, ob wir bestimmte Richtlinien und Normen erfüllt haben. Und es ging leider oft gar nicht darum, dass wir Freude beim Schreiben entwickeln, dass wir unsere Fantasie fliegen lassen, dass wir Freude am Ausdruck haben und an der Sprache, sondern es ging darum, bestimmte Normen zu befolgen, wie etwas zu sein hat. Das kann natürlich für den weiteren Verlauf in deinem Leben, in deinem Berufsleben sehr nützlich sein, aber es kann auch völlig kontraproduktiv sein.
Mich erinnert das immer so ein bisschen an den Sportunterricht in der Schule. Ich will nicht wissen, wie viele Menschen auf ewig Sport meiden, weil sie in der Schule gelernt haben, dass sie sich nicht gut genug bewegen oder nicht richtig genug. Und wenn du mal darüber nachdenkst, ist das völlig absurd. Ja, schlimmer noch, es behindert dich. Und gerade beim Schreiben macht es dir das Schreiben an sich und die Freude daran nahezu unmöglich.
Das Erste also, was ich in jedem Kurs gleich zu Anfang sage: Es gibt kein Richtig und es gibt kein Falsch. Und wir spielen hier, wir probieren uns aus. Es ist dein Schreiben, es ist deine Stimme und du entscheidest, was richtig ist.
Zwei Schreibphasen
Ich kann dir das auch gerne noch einmal aus einem völlig logischen, handwerklichen Standpunkt begründen. Für die, die sagen, okay, es gibt doch Experten und daran muss ich meinen Text messen: Meiner Erfahrung nach gibt es beim Schreiben zwei Phasen. Ich rede jetzt hier nicht von der Phase, in der du vielleicht alles vorbereitest und deine Gedanken ordnest und nach Figuren suchst. Das ist eine Phase, die ja nicht jeder von uns hat. Es gibt diejenigen, die planen und die, die sich spontan an den Schreibtisch setzen. Aber meiner Erfahrung nach ist die erste Phase des Schreibens immer eine Phase des ersten Entwurfs. Und in dieser Phase ist es ganz wichtig, dass du probierst, dass du tastest, dass du spürst und suchst. Kurz gesagt, dass du spielst, dass du wirklich mit Worten und Sprache, dass du mit Motiven und Figuren spielst und mit deiner Idee. Es ist so wichtig, dass du deine Fantasie sprudeln lassen kannst, weil du nur dann Räume erkunden kannst und dir Ideen zufliegen können, die du nicht von vornherein, wenn du zu strikt bist, ausgeschlossen hast. Wenn du in dieser ersten Phase gleich kritisch an deinem Schreiben rumnörgelst und von dir verlangst, dass es sofort wohlfeile Sätze sind, die du da formulierst, und dass alles so klingen soll, dass es perfekt ist (ich bekomme schon bei dem Wort „perfekt“ wirklich leicht schlechte Laune), dann blockierst du dich selbst. Du kannst nicht frei spielen, wenn du dich immer wieder selbst zurechtweist.
Kinderspiel
Schau dir zum Beispiel eine Gruppe Kinder an. Stell dir vor, wie sie spielen und lachen und vielleicht haben sie gerade ein Rollenspiel. Vielleicht sogar eine Geschichte, die sie spielen. Als ich klein war, da hatte ich mit meinen Freundinnen in der Nachbarschaft eine Theatergruppe und wir standen auf dem Rasen und haben endlos Märchen und Heldenreisen erfunden und gespielt. Und wir haben das so genossen. Stell dir mal vor, da kommt jemand und kommentiert das Spiel: Nein, das machst du nicht richtig! Hier musst du aber so agieren! Und das da, das ist doch völlig falsch! Das macht doch kein Mensch! Hier, da musst du ganz andere Texte finden! Na, was glaubst du? Wie schnell ist so ein Kinderspiel gesprengt?
Und genauso ist es beim Schreiben. Nur dass wir eben oft unseren inneren Kritiker haben, der da steht, die Arme verschränkt, die Stirn runzelt und an allem nörgelt, was wir tun. Und deshalb sage ich dir: Nimm dir nicht den Spaß beim Schreiben. Dieser Kritiker hat in dieser Phase des Schreibens überhaupt nichts zu suchen. Kreativität kann nur wachsen, wenn ich probiere und spiele und wenn ich erstmal so mache und dann dies mache. Und das alles ist Teil des Prozesses. Und dann, in einer zweiten Phase, wenn du den ersten Entwurf geschrieben hast und wenn du ihn idealerweise noch eine Zeit lang liegen gelassen hast, um den Abstand zu gewinnen, dann kannst du mit dem Handwerk ranrücken und schauen, wie du deinen Text, wie du deine Geschichte polierst. So wie einen Rohdiamanten, den du zum Strahlen bringst. Dann kannst du an deiner Sprache feilen, am Szenenaufbau, an den Figuren, an der Struktur, am roten Faden und, und, und. Mir macht das immer unglaublich großen Spaß. Aber das macht mir nur Spaß, weil ich eben vorher alles rauslassen und ausprobieren konnte und weil ich mich dann frei entscheiden konnte, was in meinem Text drin bleibt und was eben nicht.
So, und jetzt sehe ich natürlich schon die Menschen vor mir, die sofort sagen, ja, aber, die Verlage wollen doch etwas anderes! Und da kann ich dir nur sagen: Ich habe immer öfter gehört, dass viele Texte heutzutage, die den Verlagen angeboten werden, formal allen Richtlinien entsprechen, aber leider das Herz fehlt. Dass das, was dir entspricht, nicht im Text ist. Und daher, wenn du tatsächlich deine Geschichte so schreibst, dass sie dir gefällt, dann bin ich der Überzeugung, dass sie auch anderen gefällt. Und wenn du dann einen Verlag finden solltest, dann findest du vielleicht auch eine gute Lektorin oder einen guten Lektor. Und das macht unglaublich Spaß und ist so bereichernd, mit einem Experten noch einmal an deinen Text zu gehen und ihn zu feilen.
Regeln solltest du kennen, vielleicht. Ich bin immer eine Freundin davon, das Schreibhandwerk zu kennen. Aber Regeln sind immer auch dazu da, gebrochen zu werden.
Es gibt kein Richtig und kein Falsch beim Schreiben. Es ist deine Stimme, es ist dein Text. Und ich bin der Meinung, dass dieser Text dir gefällt, das ist das Wichtigste.
Dein Text – deine Entscheidung
Ich werde jetzt hier so mal ein bisschen pathetisch, aber für mich ist Schreiben tatsächlich ein Grundrecht. Wie Atmen. Es ist meine Stimme, es ist deine Stimme. Und wer bitte soll mir denn sagen, wie ich zu klingen habe? Ich kann natürlich keinen zwingen, meine Texte zu kaufen. Aber ich kann zu meiner Stimme stehen. Wenn mir das Freude macht, dann ist das für meinen Text genau richtig. Wichtig ist, folge deinem Gespür. Vielleicht willst du was anderes. Vielleicht willst du so schreiben, dass es die Erwartungen anderer erfüllt. Dann weißt du das, dann ist das völlig in Ordnung. Aber wenn du am Anfang des Schreiben stehst, dann macht es so viel Spaß, so zu schreiben, dass ich mich von meinen eigenen Texten gesehen fühle. Dass ich mich im Text wiederfinde. Meine Wahrnehmung.
Also mein Ratschlag für heute, wenn ich dir einen Ratschlag geben darf: Gib dir die Erlaubnis zu spielen. Versuch beim ersten Entwurf nicht alles richtig zu machen, sondern schau, was da kommt. Lass los. Habe Freude am Ausprobieren. Habe Freude an deiner Fantasie. Und ich bin sicher, das wird sich auszahlen.
Ich hab dir auf meiner Website eine Schreibübung hochgeladen, die ich immer sehr nützlich finde. Und die meines Erachtens nach immer sofort den Damm bricht. Ich habe dir alles unten in den Shownotes verlinkt. Wie immer kannst du alles auf meiner Website finden.
Ich freue mich sehr, dass du heute dabei warst. Ich würde mich unglaublich freuen, wenn du wieder mitmachst bei meinem Thema Inspiriert Schreiben. Jeden zweiten Donnerstag. Wenn du es noch nicht getan hast, abonniere meinen Podcast. Dann sehe ich, dass es dir gefällt.
Alles Liebe und bis bald.
Ich wünsche dir ein gutes Schreiben.
Deine Ulrike Hartmann