Wie schreibt … Ulrike Anna Bleier?

Heute neun Fragen, ein Interview. In dieser Reihe erzählen Autor*innen, wie sie ihre Bücher schreiben.

Warum schreibst du Bücher?

Literatur ist für mich die beste Möglichkeit, mich intensiv mit existenziellen Fragen zu beschäftigen, tiefer in die Materie einzutauchen.

– Ulrike Anna Bleier

Foto © Anja Schlamann

Ulrike Anna Bleier kenne ich durch ihren Workshop über non-lineare Erzähltechniken Am Anfang war der Beutel, dessen Grundlage der gleichnamige Essayband von Ursula K. Le Guin ist. Ulrike experimentiert, wie sich Geschichten erzählen lassen, und ich bin fasziniert, wie kreativ sie daran forscht. Für ihren Roman Spukhafte Fernwirkung hat sie eine interaktive Roman-App Die Vierte Perspektive entwickelt, mit der alle an ihrem Roman mitschreiben können, einem „Roman, der niemals endet“. Ich freue mich sehr, dass sie meine Fragen beantwortet.


Liebe Ulrike, warum schreibst du Bücher?

Literatur ist für mich die beste Möglichkeit, mich intensiv mit existenziellen Fragen zu beschäftigen, tiefer in die Materie einzutauchen. Es beginnt meistens mit einer unbestimmten Ahnung, vielleicht etwas Unsagbarem oder sehr Komplexen, das nicht so richtig greifbar ist. Durch das Recherchieren und Schreiben wird es zu einer Erfahrung, die ich betrachten und ordnen kann. In meinem Debütroman Schwimmerbecken geht es zum Beispiel um enge familiäre Beziehungen und warum man sie nicht einfach abschütteln kann, selbst wenn sie toxisch sind. In Bushaltestelle beschäftige ich mich mit Ignoranz und Dissoziation: Was geschieht mit uns, wenn wir schon als Kind nicht gesehen werden?  Und Spukhafte Fernwirkung schließlich, mein 2022 erschienener Roman, handelt vom Zufall, von der Unendlichkeit und der Frage, inwiefern einander völlig unbekannte Menschen miteinander verbunden sind. 

Was ist die größte Herausforderung für dich?

Die größte Herausforderung ist für mich, für jedes Buch eine Form zu finden, die der jeweiligen Erzählstimme entspricht. Mit Form meine ich sowohl Perspektive als auch dramaturgische Struktur. Meistens finde ich diesen Rahmen aber erst beim Schreiben, das bedeutet, dass ich einiges an Text verwerfen muss, bevor alles zusammenpasst. Also eigentlich genau das Gegenteil von dem, was man in Schreibkursen lernt.

Was macht dir am meisten Spaß?

Ich glaube, ich würde es nicht Spaß nennen. Es ist eher eine sehr intensive und intime Zwiesprache mit dem jeweiligen Text, die es mir überhaupt ermöglicht, ihn zu schreiben. Der Text muss sehr früh ein Eigenleben entwickeln, also quasi unabhängig von mir existieren und manchmal – und das sind dann die ganz ganz großen Glücksmomente – lese ich etwas, von dem ich nicht glauben kann, dass ich es geschrieben habe. Es kommt mir ganz und gar unbekannt vor, als habe der Text sich wie von Geisterhand selbst geschrieben. 

Sehr anstrengend und zeitintensiv, aber auch sehr befriedigend ist das Recherchieren, die intensive Beschäftigung mit einem Thema oder einer Tätigkeit. Für jedes meiner Buchprojekte habe ich nämlich etwas gelernt, was mich die Welt besser begreifen ließ: Für Schwimmerbecken Schwimmen, für Bushaltestelle Tschechisch und für Spukhafte Fernwirkung Quantenphysik und wie man hyperbolische Flächen häkelt.

Für wen schreibst du?

Für ein abstraktes Gegenüber, einer Mischung aus mir selbst, meiner Umgebung, meiner Lektorin, meinen Leser:innen und einer literarischen Instanz, die ich mehr erahne als dass ich sie benennen könnte (eine Art literarisches Über-Ich).  

Planst du oder schreibst du aus dem Bauch heraus?

Beides. Ich habe eine Idee, die probiere ich aus, indem ich „aus dem Bauch heraus“ losschreibe, das kann sich allerdings über mehrere Ansätze hinziehen, bis ich z.B. einen Anfang gefunden habe. Auch im weiteren Schreibprozess spielen das Überarbeiten und über den Text nachdenken, das Verwerfen und das Experimentieren eine wichtige Rolle. 

Wann weißt du, dass eine Textstelle gelungen ist?

Wenn sie mir nicht peinlich ist.

Dein bester Rat fürs Schreiben?

Der beste Ratschlag ist von Roberto Bolaño: „Niemals eine Erzählung eins zu eins schreiben. Fängt man erst einmal damit an, kann man ehrlich gesagt weitermachen, bis man tot ist.“ Da steckt alles drin, finde ich … 😉

Was gibt dir Kraft beim Schreiben?

– Sport, vor allem Laufen oder Wandern. Haruki Murakami schreibt in seinem Buch über das Laufen, dass Schreiben auch körperlich sehr anstrengend sei und man sich deshalb fit halten müsse. Das stimmt total. 
– Kaffee. 
– Mein Saugroboter, der meine Wohnung diskret vom Staub befreit, während ich am Schreibtisch sitzen kann. 
– Und – ganz wichtig: der Förderbescheid (und damit verknüpft die Wertschätzung für meine Arbeit und die Sicherheit, dass ich über einen gewissen Zeitraum finanziell über die Runden kommen werde) .

Welches Buchprojekt liegt dir gerade oder als nächstes am Herzen?

Ich schreibe gerade an einem neuen Roman, in dem sich das Patriarchat selbst abgeschafft hat. 


Vielen Dank für das Interview, Ulrike

Ulrike Anna Bleier, geboren 1968 in Regensburg, lebt in Köln und in der Oberpfalz als Schriftstellerin, Moderatorin und Journalistin. In ihren literarischen Arbeiten experimentiert sie u.a. mit posthierar­chi­schen Erzählweisen und partizipativen Literaturprojekten; sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. das Dieter-Wellershoff-Stipendium der Stadt Köln sowie Residenzaufenthalte in Italien, Tschechien, Kanada. Ihr Roman Spukhafte Fernwirkung, für den sie die interaktive Roman-App Die Vierte Perspektive entwickelt hat, wurde 2023 als eins von „Bayerns besten Independent Büchern“ durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet. Die Arbeit an ihrem neuen Roman fördert die Kunststiftung NRW mit einem Arbeitsstipendium.

www.spukhafte-fernwirkung.de
www.bleier-online.de


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