Warum uns Geschichten berühren. Und warum das für dein Schreiben wichtig ist.
Transkript zum Podcast Inspiriert Schreiben. Folge 15

Warum wirken Geschichten eigentlich? Und was kann ich daraus für mein Schreiben ziehen? Wir reden heute über grundsätzliche Dinge. Ich glaube, das kommt oft zu kurz.
Hallo und herzlich willkommen bei Inspiriert Schreiben.
Ich bin Ulrike Hartmann, Autorin und Schreibmentorin. Und hier dreht sich alles um Inspiration, um Lebendigkeit und die Freude am kreativen Tun.
Und heute feiere ich ein kleines Jubiläum. Mein Podcast wird ein Jahr alt. Ich möchte mich ganz herzlich bedanken für die Kommentare und Zuschriften, für die Likes und Bewertungen. Das bedeutet mir wirklich viel. Von Folge zu Folge ist die Abonnentenzahl gestiegen. Und das ist natürlich für eine Podcasterin wie mich ein reiner Schatz.
Zur kleinen Feier des Tages habe ich für diese Folge etwas Besonderes mit euch vor. Ich möchte eine Übung mit euch gemeinsam durchgehen. Wie immer gibt es ein Arbeitsblatt auf meiner Website, das ihr als Bonusmaterial downloaden könnt. Aber heute möchte ich mit euch dieses Arbeitsblatt zusammen erforschen, weil das Thema dahinter so wichtig für mich ist. Ich hoffe, dass du diese Folge auch als etwas betrachten kannst, das sehr Grundsätzliches behandelt, aber vielleicht einen neuen Impuls geben kann.
Warum lieben wir Geschichten?
Warum lesen wir Bücher? Warum schauen so viele Menschen Filme und Serien? Ich glaube, ich kann sagen, dass ich keinen Menschen kenne, der nicht gerne in irgendeiner Weise eine Geschichte hört, sieht oder liest. Warum tragen wir manche Märchen, Szenen oder Sätze ein Leben lang mit uns herum, ohne genau sagen zu können, was uns da eigentlich so berührt?
Wir gehen das praktisch an. Ich möchte diese Wirkung von Geschichten erfahrbar machen. Beginnen wir mit einem Märchen.
Rotkäppchen.
Ein Kind geht allein durch den Wald. Es weicht vom Weg ab. Es hört auf eine Stimme, die freundlich klingt. Und es endet im Bauch des Wolfs.
Das ist keine nette Kindergeschichte. Und trotzdem oder gerade deshalb wird sie seit Jahrhunderten erzählt. Warum? Nicht, weil sie uns erklärt, dass man nicht mit Fremden reden soll, sondern weil sie etwas zeigt, das wir kennen. Lange bevor wir Worte dafür haben:
- Dass Neugier gefährlich sein kann.
- Dass Freundlichkeit täuschen kann.
- Dass man manchmal verschlungen wird von Situationen, von Menschen.
- Dass sich das Leben von einer Sekunde auf die andere verändern kann.
Oder Aschenpuddel. Ein Mädchen, das unsichtbar ist, übersehen, abgewertet. Und dennoch innerlich hellwach. Sie ist ganz bei sich. Wir lieben diese Geschichte nicht, weil sie von einem Prinzen auf dem weißen Pferd handelt. Sondern weil sie etwas in uns berührt, das weiß, wie es ist, am Rand zu stehen. Und trotzdem zu fühlen: Ich bin da. Ich bin mehr als das hier. Ich bin etwas wert.
Diese Geschichten erklären nichts. Sie argumentieren nicht. Sie zeigen. Und genau darin liegt die Kraft guter Geschichten.
Wir in der Geschichte
Ich möchte dir noch ein weiteres Bild anbieten:
Stell dir die Welt einer Geschichte vor. Keine präzisen Bilder, sondern grobe Zeichnungen. Wie eine Landkarte. Hier sind Wälder, da ist ein Abgrund. Dort gibt es vielleicht eine Hütte oder ein Schloss. Es ist wie eine gezeichnete Landkarte.
Wenn wir eine Geschichte lesen, sehen oder hören, dann erkennen wir uns nicht in den Details. Sondern wir erkennen uns in der Bewegung.
In Hänsel und Gretel, die ausgesetzt werden und trotzdem ihren Weg zurücksuchen. In Odysseus, der immer wieder vom Weg abkommt und trotzdem weiterfährt. In Schneewittchen, das sterben muss, um neu zu erwachen.
Geschichten berühren uns, weil sie Erfahrungen zeigen, die wir alle machen, aber selten bewusst durchdringen:
- Verlust,
- Angst,
- Wandlung,
- Alleinsein,
- Weitergehen ohne Garantie,
- Tod.
Geschichten haben immer diesen berühmten Konflikt. Aber sie haben noch viel mehr dieses grundlegende Thema. Und das Entscheidende ist: Geschichten geben dafür keine Worte vor. Sie lassen uns fühlen, was wir selbst vielleicht nie formuliert haben.
Darum bleiben uns Bilder, Szenen, Gesten im Gedächtnis und nicht die Botschaft.
Das Ungesagte ist oft das Mächtige einer Geschichte.
Der Impuls
Ich möchte das mal mit dir ganz konkret erfahrbar machen. Hast du gerade Stift und Papier in der Nähe? Dann halte den Podcast jetzt an und hol sie dir. Oder du machst die Übung im Kopf. Ich lade dich ein, nach jeder kleinen Aufgabe, die ich dir jetzt stelle, den Podcast anzuhalten und dir die Zeit zu nehmen, die du brauchst.
Erstens: Erinnere dich an eine Geschichte, ein Märchen, einen Roman, der dich seit Langem begleitet. Es muss nicht deine Lieblingsgeschichte sein, sondern eine, die geblieben ist. Schreibe den Titel und beschreibe kurz.
Zweitens: Erinnere dich an den Moment in dieser Geschichte, der dich besonders berührt hat. Was war das? Eine Szene, ein Bild, eine bestimmte Handlung, ein Satz? Beschreibe nur, was geschieht, ohne Deutung.
Drittens: Jetzt lies das Geschriebene noch einmal durch. Achte nicht auf Gedanken, sondern auf deinen Körper. Wird der Atem weiter oder enger? Gibt es Spannung, Wärme, schwere Ruhe? Wo spürst du etwas in deinem Körper, wenn du deine eigenen Notizen durchliest? Notiere stichwortartig, was du da spürst. Stopptaste.
Viertens: Vervollständige diese Sätze jetzt ganz spontan:
Diese Geschichte fühlt sich an wie…
Sie erinnert mich an…
Wenn sie sprechen könnte, würde die Geschichte sagen…
Fünftens: Schreibe einen einzigen Satz. Keinen klugen, keinen erklärenden. Einen Satz, der für dich die Wahrheit dieser Geschichte trägt.
Ich hoffe, dass diese kleine Übung dich auf irgendeine Weise berührt oder inspiriert hat oder dir einen Zugang zu den großen Wirkungen von guten Geschichten gezeigt hat. Du wirst es natürlich schon selbst wissen, dass Geschichten wirken. Aber ich finde es immer wieder interessant, auf welche Weise wir den Geheimnissen einer guten Geschichte auf den Grund gehen können.
Tief in uns
Die Erkenntnis für heute: Geschichten berühren uns, weil sie Wahrheiten zeigen, die tief in uns sind. Sie sind oft zu tief für Erklärungen. Sie sprechen nicht unser Denken an, sondern unsere Erfahrungen. Eigentlich leben wir Geschichten.
Das ist wie Musik. Musik verbindet uns über alle Kulturen hinweg. Und so ist es auch mit guten Geschichten, weil sie das ansprechen, was wir im Grunde sind: unser innigstes Wesen. Keine Rolle, keine Maske. Gute Geschichten sind immer wahrhaftig. Deshalb kannst du auch schnell erkennen, ob da eine gute Geschichte vor dir liegt oder nicht.
Bedeutung fürs Schreiben
Was bedeutet das jetzt für dein Schreiben? Wenn du schreibst, musst du diese Wahrheit nicht benennen. Du musst sie nicht erklären, du darfst ihr einen Raum geben. So wie Märchen es seit Jahrhunderten tun.
Das Schöne ist: Oft musst du selbst gar nicht wissen, warum dich eine Geschichte zum Schreiben treibt. Manchmal ist es ganz verborgen in uns. Aber manchmal ist es auch sehr hilfreich, das Thema zu kennen, um es noch gründlicher ausloten zu können.
Die Übung, die ich gerade mit dir gemacht habe, habe ich, wie immer, auf meiner Website hochgeladen und zum Download bereitgestellt. Du findest den Link dazu in den Show Notes.
In eigener Sache
Das war’s schon wieder für heute. Ich hoffe, diese Folge hat dich auf irgendeine Weise berührt oder inspiriert. Ich wünsche dir, dass du Geschichten nicht nur verstehst, sondern ihnen auch vertraust.
Noch eine Notiz in eigener Sache: Der Podcast macht jetzt eine Pause, weil ich mich in nächster Zeit auf andere Projekte konzentrieren möchte. Ich brauche dazu einen freien Kopf, einen freien Raum. Ich möchte keine halbherzigen Sachen machen, sondern erst wieder Folgen veröffentlichen, wenn ich wieder voll und ganz dabei bin und sofort auf Kommentare und Zuschriften reagieren kann. Ich kann noch nicht sagen, wann es hier weitergeht, aber wenn du meinen Newsletter oder den Podcast abonnierst, bekommst du Bescheid, sobald neue Folgen erscheinen.
Wenn du dich für Workshops oder andere Angebote von mir interessierst, schau gerne auf meiner Website vorbei. Dort findest du immer die aktuellen Daten.
Bis dahin: Ich wünsche dir ein gutes Schreiben.
Deine Ulrike Hartmann
